Solidarität mit der Studentin „Jane Doe“

Viele Menschen haben sich weltweit mit der Studentin „Jane Doe“ solidarisiert. Unter diesem Pseudonym hatte die junge Frau in den USA eine Klage wegen Gruppenvergewaltigung eingereicht. Die Schülervertretung der BBS Marienheim in Osnabrück hat dazu vor der gesamten Schulgemeinschaft ein beeindruckendes Statement abgegeben und dadurch ein bewegendes Zeichen gesetzt. Was für die Schulgemeinschaft gilt, betrifft auch uns als Gesellschaft. Hier ist der Wortlaut:

„Jane Doe wurde im Jahr 2024 Opfer sexualisierter Gewalt. Und sie hat nicht erst heute darüber gesprochen. Sie hat bereits damals versucht, auf das aufmerksam zu machen, was ihr passiert ist. Doch sie hatte das Gefühl, nicht ausreichend gehört und geschützt zu werden. Zwei Jahre später bekommt ihr Fall nun eine viel größere Öffentlichkeit. Und genau das sollte uns nachdenklich machen: Warum muss ein Mensch so lange kämpfen, damit ihm zugehört wird?

Heute geht es für uns deshalb nicht nur um Jane Doe. Es geht um etwas viel Größeres. Es geht darum, was passiert, wenn Menschen versuchen, über sexualisierte Gewalt zu sprechen – und andere wegsehen. Wenn jemand den Mut aufbringt, von so etwas zu erzählen, darf unsere erste Reaktion nicht Zweifel, ein Witz oder Gleichgültigkeit sein. Wir müssen zuhören. Wir müssen hinsehen. Und wir müssen Betroffene ernst nehmen.

Sie könnte eine von uns sein Vielleicht wirkt dieser Fall weit weg. Eine andere Universität. Ein anderes Land. Menschen, die wir nicht persönlich kennen. Aber denkt für einen Moment anders darüber nach. Jane Doe könnte eine von uns sein. Sie könnte neben dir im Unterricht sitzen. Sie könnte deine beste Freundin sein. Deine Schwester. Deine Mitschülerin. Sie könnte ich sein. Sie könntest du sein. Sie könnte wir alle sein. Und spätestens dann fühlt sich das Ganze nicht mehr so weit weg an.

Wenn wir etwas mitbekommen Und deshalb möchten wir heute auch euch etwas mitgeben. Es ist leicht zu sagen: „Ich hätte etwas gemacht.“ Aber in einer echten Situation ist das vielleicht gar nicht so einfach. Man hat Angst. Man ist unsicher. Man möchte sich nicht einmischen. Trotzdem können wir etwas tun. Wir können Hilfe holen. Wir können eine Lehrkraft oder eine Vertrauensperson ansprechen. Wir können bei einem Menschen bleiben, der Hilfe braucht. Und manchmal beginnt Veränderung mit einem einzigen Satz: Das ist nicht in Ordnung.

Grenzen Wir müssen außerdem verstehen, dass Grenzen nicht erst dort anfangen, wo etwas Strafbares passiert. Grenzen beginnen viel früher. Wenn jemand Nein sagt, bedeutet es Nein. Wenn jemand etwas nicht möchte, wird das respektiert. Niemand schuldet einem anderen Menschen körperliche Nähe. Und niemand sollte sich dafür rechtfertigen müssen, eine Grenze gesetzt zu haben. Respekt bedeutet, diese Grenze nicht erst dann ernst zu nehmen, wenn es zu spät ist.

Deshalb sagen wir heute als Schülervertretung der BBS Marienheim ganz klar: Wir schauen nicht weg. Wir akzeptieren keine sexualisierte Gewalt. Wir akzeptieren nicht, dass Betroffene lächerlich gemacht, beschuldigt oder zum Schweigen gebracht werden. Und wir wollen eine Schulgemeinschaft, in der ein Mensch, der Hilfe braucht, weiß: Da ist jemand, zu dem ich gehen kann. Denn Schule bedeutet nicht nur gemeinsam lernen. Schule bedeutet auch, füreinander Verantwortung zu übernehmen.

Und deshalb möchten wir euch heute nicht mit Zahlen, Namen oder irgendwelchen Schlagzeilen nach Hause schicken. Wir möchten euch mit einem Gedanken nach Hause schicken: Was würdest du dir wünschen, wenn du Jane Doe wärst? Würdest du wollen, dass jemand wegschaut? Dass niemand etwas sagt? Dass dir niemand glaubt? Oder würdest du dir wünschen, dass wenigstens ein Mensch aufsteht und sagt: „Ich sehe dich. Ich höre dich. Und ich schaue nicht weg.“ Jane Doe könnte eine von uns sein. Sie könnte ich sein. Sie könnte du sein. Sie könnte wir alle sein. Also lasst uns eine Schule sein, in der wir nicht schweigen, wenn andere unsere Unterstützung brauchen. Schaut hin. Hört zu. Und habt den Mut, etwas zu sagen.“